Rückkehr in ein früheres Leben

„Hey, dich kenne ich doch, wie geht es dir? Wo warst du denn die ganze Zeit?“, fragt mich der nette und stets gut gelaunte, vor sich hin pfeifende Kassierer im Supermarkt als ich plötzlich vor ihm stehe. Es ist der erste Tag zurück in meinem früheren Leben. Alles ist mir vertraut, ich kenne die Straßenzüge, die Geschäfte, die Menschen um mich herum, so wie eben auch den Supermarktkassierer, der immer versucht hatte, zu erraten, was ich wohl kochen werde und für welchen Anlass. Dass er mich gleich erkannt hat, gibt mir das Gefühl, willkommen zu sein.

Und obwohl mich meine Erinnerungen zielsicher an sämtliche Orte leiten, bleibt da eine nüchterne Distanz, von der aus ich auf dieses Spektakel blicke. Ich fühle mich fremd in einem Land, dass ich im Dezember 2015 nicht verlassen wollte, weil ich dort eine zweite Heimat gefunden hatte. Dieses abgestumpfte Gefühl verunsichert mich. Die ganze Situation fühlt sich surreal an, als hätte ich all dies bereits in einem früheren Leben durchlebt, welches jedoch bereits ein Ende gefunden hat. Die letzten Wochen sind in einem solch rasanten Tempo an mir vorbeigezogen, dass ich keine Zeit hatte, zu verarbeiten, was gerade alles passiert. Letzte Woche hatte ich noch in Frankfurt meine letzte große Modulprüfung abgelegt, wenige Tage später stehe ich schon mit Sack und Pack auf dem Campus in Pretoria, am anderen Ende der Welt. Verrückt.

Zurück an der University of Pretoria. Hier: das Old Arts-Gebäude. Es war das erste Gebäude auf dem Campusgelände. Heute befinden sich hier mehrere Museumsausstellungen zur Geschichte Südafrikas. (© Marita Anna Wagner)

Aber noch bevor mir weitere Zweifel kommen können, werde ich schon von meinen Studienfreunden überschwänglich begrüßt, die mir vergnügt um den Hals fallen und mich in die theologische Fakultät ziehen. Sie weichen mir den ganzen Tag lang nicht mehr von der Seite, helfen mir bei der Registrierung und Beschaffung meines Studienausweises. Und dabei werden endlich diese Emotionen und Gefühle in mir wachgerufen, die ich damals bereits verspürt habe und die mich daran anknüpfen lassen.

Die theologische Fakultät der University of Pretoria feiert dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. (© Marita Anna Wagner)

Südafrika ist zu meiner zweiten Heimat geworden. Es sind weniger die Orte, an die ich mich gebunden fühle, sondern vielmehr die Menschen, die mich so selbstverständlich aufgenommen haben. Auch jetzt sind sie für mich da, helfen, wo es nur geht. Diese besondere Form des Gemeinschaftssinns und des Zusammenhaltes ist es, die mich so fasziniert. Ubuntu, und damit Menschlichkeit, ist hier direkt und überall erlebbar (siehe die Artikel unter Publikationen). Es ist, als sei ich niemals fort gewesen, da wir auch nach meinem Weggang immer weiter in engem Austausch standen. Deshalb machen wir einfach dort weiter, wo es vor anderthalb Jahren aufgehört hat. Damals haben wir gemeinsam das letzte Bachelorjahr zusammen absolviert, jetzt schreiben wir unsere Masterarbeiten.

Und am Ende dieses Tages ist mir klar: jetzt ist die Zeit.

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