Das Spiel mit der Sicherheit

„Ihr braucht ein enges Buddy-System (ein Netzwerk aus engen Freunden), wenn ihr euch hier bewegen wollt, ihr braucht Menschen, denen ihr vertraut. Passt aufeinander auf. Niemand wird nachts allein zurückgelassen. Wenn einer geht, gehen alle.“

Diese Worte kommen mir in den Sinn als ich nach anderthalb Jahren erstmals wieder mit dem Zug nach Johannesburg fahre. Gemeinsam mit anderen Austauschstudenten, die frisch eingetroffen und zum ersten Mal in Südafrika sind, will ich die Innenstadt erkunden. Kurz vor Erreichen der Endhaltestelle erkläre ich den anderen, dass sie jetzt ihre Wertgegenstände in den Rucksack packen sollten. Am Ausgang des Bahnhofes warten meist Obdachlose und Bettler auf die Touristen. Wir verlassen das Bahnhofsinnere und sofort geht es los. Der erste Mann spricht uns an, dann folgt uns ein zweiter und redet auf uns ein, ein dritter, vierter. Einfach weitergehen, ansonsten lassen sie nicht mehr von einem ab. „Krass“, murmelt das eine Mädchen neben mir.

Blick auf die Skyline von Johannesburg (© Marita Anna Wagner)

Drei Jungs versuchen zeitgleich, über ihr Smartphone ein Taxi zu unserem nächsten Ziel zu bestellen. Sie stehen im Kreis, alle versunken in den Tiefen ihres Handydisplays, blind für das, was um sie herum geschieht. Auf ihren Rücken jeweils gut gefüllte Rucksäcke. Easy Target (leichtes Ziel/Opfer), schießt es mir sofort durch den Kopf. Die Mädchen gesellen sich zu der Runde. Alle sind in die weitere Planung vertieft. Ich stehe abseits, analysiere das Treiben um uns herum. Wir werden beobachtet. Eine schöne europäische Touristengruppe sind wir.

Später laufen wir durch Johannesburgs Downtown. Auf unserer Straßenseite parkt quer ein Minibustaxi, vor dem rund zehn Männer stehen, die eine Gasse bilden und sich miteinander unterhalten. Einige von ihnen sehen uns schon kommen. Ich gehe der Gruppe voraus. Instinktiv mache ich einen Schlenker rechts am Minibus vorbei, um diese Menschenmenge zu meiden. Beim Herumdrehen stelle ich beunruhigt fest, dass  die anderen  jedoch genau durch die von den Männern gebildete Gasse hindurch spazieren. Genau jetzt könnten letztere problemlos den Sack zumachen und die Studentengruppe einkesseln. Easy Target.

Die Mininbustaxen (siehe weißen Bus im Vordergrund) sind ein gängiges Transportmittel in Südafrika (© Marita Anna Wagner)

Auf unserem Weg kommen uns viele Südafrikaner entgegen. „Siehst du, wie sie uns beobachten und uns von oben bis unten abscannen?“, frage ich das Mädchen neben mir. „Was? Echt?“ Sie ist ganz verdutzt. Ich nicke nur, und dann: „Da“, murmele ich und deute vorsichtig in die Richtung unseres Beobachters. Jetzt sieht sie es auch. Ich blicke ihm direkt in die Augen. Er schaut weg.

Die anderen sind sich nicht bewusst darüber, dass sie so aus der Masse herausstechen und im Fokus der Leute stehen. Sie unterhalten sich angeregt miteinander und nehmen ihre Umgebung nicht wahr. Einer der Jungs läuft deshalb sogar vor ein Auto. Er hat nicht gesehen, dass der Wagen trotz roter Ampel noch über die Kreuzung gefahren ist. Erschreckt macht er einen Satz zurück auf den Bordstein.

„Wie viel Geld habt ihr eigentlich mit? Ich habe nur 600 Rand eingepackt…“ „Ich habe auch nur 500 Rand cash dabei, aber notfalls habe ich auch noch meine Kreditkarte mit.“ Meine Instinkte sind schneller als mein Verstand. Ich drehe mich ruckartig zu den beiden Mädchen um und zische ihnen zu: „Seid still!“ Erschrocken zucken sie zusammen. Ich schaue mich um, um sicherzustellen, dass uns niemand zugehört hat.

Wir stehen an einer Kreuzung. Ich sehe ihn aus dem Augenwinkel, er ist noch jung und recht klein. Er duckt sich unter den anderen weg und steht plötzlich mitten unter ihnen. Er redet auf sie ein, fast flehentlich. Er bittet sie um Geld und etwas zu Essen. Die Mädchen weisen ihn ab, aber er bleibt hartnäckig, hält seine Hände auf. Sie reagieren verunsichert und überfordert, wissen nicht, was sie tun sollen. Die Ampel wird grün, ich scheuche alle über die Straße, auch die Mädchen. „Ich hab ihn überhaupt nicht kommen sehen und plötzlich stand er direkt vor mir!“, kommentiert eines der Mädchen diese Situation ungläubig.

(© Marita Anna Wagner)

Dieser Tag zeigt mir, wie sehr ich mich doch schon an das Leben in Südafrika gewöhnt und angepasst habe. Ich laufe mit geschärften Sinnen durch die Straßen, nehme meine Umgebung genau wahr. Mein Blick schweift so regelmäßig wie ein Pendel von rechts nicht links und wieder von links nach rechts. Ich nehme die Menschen und ihre Bewegungen innerhalb von Sekunden wahr. Ich schaue unseren Beobachtern auf dem Weg immer in die Augen. Nur ganz kurz, um sie nicht zu provozieren, aber doch so, dass sie wissen: „Ich sehe dich.“ Ich bekomme genau mit, wer gerade rechts und links neben uns läuft, wer uns entgegenkommt, aber auch, ob jemand hinter uns geht.

Es klingt vermutlich sehr anstrengend, immer so genau hinsehen zu müssen, aber das ist es nur zu Beginn. Man hat diese Verhaltensregeln schnell verinnerlicht, sodass sich das ‚Abscannen’ der Menschen und Umgebung um einen herum irgendwann eher im Unterbewusstsein abspielt.

Bei alledem geht es nicht darum, Angst zu haben, und stattdessen lieber zu Hause zu bleiben und sich zu verstecken, sondern darum, sich der potentiellen Gefahr bewusst zu sein, um im Notfall schneller auf diese reagieren bzw. sie direkt abwenden zu können.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Meegan sagt:

    In some places in South Africa one must be very careful of their surroundings. City centres can be dangerous places anywhere in the world. Best to stay in the countryside where the sun is warm and the people are few. Good post!

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