5 Jahre Massaker von Marikana – Der Schrei nach Gerechtigkeit

Diese Woche hat sich zum fünften Mal der Jahrestag wiederholt, der einen weiteren tragischen Einschnitt in die südafrikanische Geschichte markiert und die Gesellschaft noch immer zur Aufarbeitung herausfordert. Am 16. August 2012 ereignete sich das sogenannte Massaker von Marikana, einem Minendistrikt nördlich von Pretoria.

Das Bergwerk in Marikana, welches zum britischen Unternehmen Lonmin gehört. (© Marita Anna Wagner)

Im Bergwerk von Marikana wird hauptsächlich Platin gefördert, es ist in Besitz des britischen Bergbauunternehmens Lonmin. Im Jahr 2012 kam es zu Streiks der Minenarbeiter, die einen existenzsichernden Lohn von 12.500 Rand (ungefähr 800 Euro) sowie bessere Arbeits- und Lebensbedingungen einforderten. Die Polizei reagierte auf diese Demonstrationen mit brutalster Gewalt, die an frühere Massaker während der Apartheidzeit, wie das Sharpeville-Massaker oder den Schüleraufstand von Soweto 1976, erinnerten. Insgesamt fanden 34 Minenarbeiter durch die Polizei den Tod. Weitere 78 Menschen wurden schwer verletzt, hunderte festgenommen. Im Nachhinein gaben die Beamten an, aus Notwehr gehandelt zu haben. Jedoch stellte sich bald heraus, dass bereits Stunden vor dem eigentlichen Massaker mehrere Leichenwagen zum Einsatzort entsendet wurden. Hinzu kam, dass die meisten Opfer durch Schüsse in den Rücken getötet worden waren.

Bis heute fordern die Familien der Opfer ein Schuldeingeständnis sowie eine Entschädigung durch die südafrikanische Regierung und Lonmin. Doch hat sich ihre Lebenssituation nach wie vor kaum verändert, noch immer leben die meisten in Wellblechhütten (sogenannten Shacks). Einige Witwen der Minenarbeiter sahen sich direkt nach dem Massaker als nun alleinige Brotverdienerinnen sogar dazu genötigt, selbst für Lonmin zu arbeiten, um ihr Überleben und das ihrer Kinder sicherzustellen.

Dieses historische Ereignis ist gerade auch aus deutscher Perspektive von großer Relevanz, da der deutsche Chemiekonzern BASF als der weltweit größte Chemiekonzern Hauptabnehmer von Lonmin ist und somit ebenfalls in die Verantwortung genommen werden muss.

Gemeinsam mit Dr. Boniface Mabanza, dem Koordinator der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA), habe ich an der diesjährigen Gedenkfeier in Marikana teilnehmen dürfen. Ich war sehr nervös, nach meinen bisherigen theoretischen Forschungen zu diesem Thema nun selbst an den Schauplatz der Tragödie zu reisen und die Koppie (Afrikaans für Hügel) zu sehen, auf der die Arbeiter tagelang gestreikt hatten. Ich hatte mit einer aufgeheizten und möglicherweise aggressiv-angespannten Atmosphäre gerechnet, doch die Menschen feierten das Gedenken an ihre Toten in harmonischer Solidarität, ihr Wille nach Gerechtigkeit ungebrochen. Natürlich war die emotionale Ergriffenheit zu spüren, es wurden viele Reden gehalten und Lieder gesunden, die die vergangenen Vorkommnisse reflektierten.

Die Koppie in Marikana. Hier haben die Minenarbeiter im August 2012 mehrere Tage kampiert und für einen existenzsichernden Lohn gestreikt. Dieses Jahr versammelten sich die Menschen, um ihrer Toten zu gedenken (© Marita Anna Wagner)
(© Marita Anna Wagner)
(© Marita Anna Wagner)

Für mich war dieser Tag auch deshalb ein besonderes Erlebnis, weil ich viele Menschen persönlich kennenlernen oder sehen durfte, deren Namen ich während meines Praktikums bei KASA erstmals gehört hatte. Dadurch setzte sich für mich endlich ein vollständiges Bild zusammen.

Noch in Pretoria trafen wir uns mit dem früheren anglikanischen Bischof, Jo Seoka, der sich 2012 für eine friedliche Lösung des Konflikts eingesetzt und zwischen den Parteien vermittelt hatte. Durch ihn kamen wir wiederum in Kontakt mit Andries Nkome, einem der Anwälte der Association of Mineworkers and Construction Union (AMCU), der Gewerkschaft, die die Minenarbeiter vertritt, nach Marikana gefahren. Durch ihn erhielten wir Zugang zum VIP-Bereich, wo wir auf Rehad Desai trafen. Er ist der Regisseur und Produzent des 2014 entstandenen Dokumentationsfilms Miners Shot Down, der die originalen Kameraaufnahmen der Polizei während des Massakers und die Erschießung der Arbeiter zeigt. Der Film wurde 2015 mit dem Emmy Award ausgezeichnet. Auch haben wir den persönlichen Berater der Gewerkschaft AMCU, Brian Ashley, getroffen.

Rehad Desai, der Regisseur und Produzent von Miners Shot Down (rechts) im Gespräch mit Nomzamo Zondo, Leiterin der juristischen Abteilung des Socio-Economic Rights Institute of South Africa (SERI). (© Marita Anna Wagner)

Mithilfe dieser Kontakte durften wir direkt vor der aufgebauten Bühne, von der die einzelnen politischen Abgeordneten und Gewerkschaftsvertreter sprachen, zusammen mit den Medien- und Pressearbeitern Position beziehen und waren so ganz nah am Geschehen dran. Es sprachen unter anderem Julius Malema, Vorsitzender der Partei Economic Freedom Fighters (EFF) sowie M’musi Maimane von der Democratic Alliance (DA).

Zusammen mit den Pressevertretern durften wir direkt vor der Bühne stehen und die Ereignisse live dokumentieren. „Justice for Marikana“ steht auf dem Shirt von Dr. Boniface Mabanza (© Marita Anna Wagner)
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Julias Malema, Vorsitzender des EFF, warf dem ANC eine mangelhafte Aktionsbereitschaft hinsichtlich der Entschädigung der Witwen vor. (© Marita Anna Wagner)

Besonders eindrucksvoll war die leidenschaftliche Rede des Präsidenten von AMCU, Joseph Mathunjwa, der dem ANC eine mangelhafte Aktionsbereitschaft vorwarf. Er erklärte, dass ab 2018 die obere Schicht der Minenarbeiter 13.500 Rand Gehalt erhalten soll, doch gilt dies eben nicht für die Arbeiterschaft insgesamt. Hinzu kommt der stetige Wertverlust der südafrikanischen Währung, aufgrund der korrupten Machenschaften des Präsidenten Jakob Zuma, aufgrund derer Südafrika zuletzt sogar auf Junk-Status herabgestuft wurde.

Als schockierend empfand ich es zu sehen, dass sich die Lebensumstände der Minenarbeiter und ihrer Familien auch nach fünf Jahren nicht verbessert haben. Noch immer leben sie in Shacks, direkt neben den Minen. Die Straßen sind mit Müll und Abfällen gesäumt. Die Landschaft ist trostlos, trocken und voller Geröll. Problematisch, und das haben wir am eigenen Leib gespürt, ist auch der Staub, der durch den Wind aufgewirbelt wird und sich beim Atmen auf der Lunge festsetzt und in den Augen brennt.

Auch fünf Jahre nach dem Massaker von Marikana leben die Minenarbeiter und ihre Familien noch immer in Wellblechhütten, sogenannten Shacks (© Marita Anna Wagner)
Bewohner aus Marikana, auf dem Weg zur Gedächtnisfeier (© Marita Anna Wagner)

Den traurigen Höhepunkt des Gedenktages markierte die Würdigung der Witwen auf der Bühne. In einer feierlichen Zeremonie wurden die einzelnen Namen der getöteten Minenarbeiter verlesen und anschließend ihren Ehefrauen ein Blumenstrauß sowie eine entzündete Kerze überreicht. Auf den Gesichtern der Frauen lebte die ganze Geschichte der Vergangenheit wieder auf. Es war sehr schwer, ihren Schmerz und ihre tiefe Trauer mit anzusehen und ihr Bemühen darum, nicht die Fassung vor der Öffentlichkeit zu verlieren. Als sie von der Bühne gingen warteten Boniface und ich im Backstagebereich auf die Witwen, da einige von ihnen letztes Jahr im Rahmen der Kampagne Plough Back The Fruits von KASA in Deutschland waren, um vom Massaker zu berichten und ihn daher näher kannten. Es war ihnen aber in diesem Moment unmöglich, mit uns zu sprechen.

Zur Ehrung der verstorbenen Minenarbeiter werden Kurzen angezündet (© Marita Anna Wagner)
Die zurückbleibenden Witwen von Marikana (© Marita Anna Wagner)
(© Marita Anna Wagner)

Mein Blick fiel während dieser Szene auf die riesigen Bühnenbanner, die ein überdimensional großes Bild von Ngcineni Noki „Mambush“ abbildeten. Er gilt als der „Mann mit der grünen Decke“ und ist zur Symbolfigur dieses Massakers geworden. Als Anführer der damaligen Streikbewegung wurde er auf grausamste Weise von der Polizei mit 14 Kugeln niedergeschossen, die ihn in Gesicht, Nacken und Beinen trafen. Obwohl er bereits tot am Boden lag, schossen die Polizisten weiter auf seinen Körper. Noki zu Ehren wickelten sich viele der zum diesjährigen Gedenktag versammelten Menschen ebenfalls grüne Decken um den Leib.

„We were massacred for radical economic emancipation by the state“ (© Marita Anna Wagner)
Ngcineni Noki „Mambush“, der Anführer der streikenden Minenarbeiter und Symbol des Widerstandes (© http://aidc.org.za)

Das Massaker von Marikana unterscheidet sich in seiner Qualität und Tragweite von den früheren insofern, als dass es das erste ist, welches in einem frei und demokratisch gewählten Südafrika nach der Apartheid stattfand. Doch die heutige schwarze Regierung ist nicht bereit, dieses volle Ausmaß anzuerkennen.

Stattdessen reißt sie die alten Wunden immer wieder neu auf und steht der Aufarbeitung der traumatischen Erinnerungen im Weg, in dem sie Kompensationsleistungen ankündigt, die dann jedoch nicht realisiert werden.

Informationen zu Marikana

Marikana-Gedächtnisfeier 2017

https://www.enca.com/south-africa/catch-it-live-5th-anniversary-of-marikana-massacre

http://www.heraldlive.co.za/news/2017/08/17/marikana-torture-goes/

Hintergrundartikel (Die Geschichte Marikanas)

http://www.deutschlandfunk.de/massaker-von-marikana-aufarbeitung-auch-drei-jahre-danach.724.de.html?dram:article_id=328399

https://www.theguardian.com/world/2015/may/19/marikana-massacre-untold-story-strike-leader-died-workers-rights

Miners Shot Down – Die Dokumentation von Rehad Desai

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Augustine Richard sagt:

    I find it quite absurd and saddening that the government would take such measures to hinder democracy.Democracy is the right of the people,by the people and for the people.Democracy does not exist when only one party has the power to make decision.That is rather dictatorship and with such a government a country would tend to lag in development because one thing tends to lead to the other.Good Work here Marita ?

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