Das Massaker von Marikana – Fünf Jahre später

Dr. Boniface Mabanza ist Koordinator der Kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA) in Heidelberg (Deutschland).
Die KASA versteht sich als Informations- und Servicestelle zum Südlichen Afrika und als Lobby- und Kampagnenbüro zu ausgewählten Themen sozialer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit im Kontext von Globalisierung und Klimawandel.

Dr. Boniface Mabanza stammt ursprünglich aus der DR Kongo und ist Koordinator der KASA in Heidelberg (@ Kirchliche Arbeitsstelle Südliches Afrika (KASA))

Derzeit ist Boniface Mabanza beruflich in Südafrika. Gemeinsam sind wir am 16. August 2017 nach Marikana gefahren, um anlässlich des fünften Jahrestages des Marikana-Massakers der Opfer zu gedenken.

Seine Eindrücke dieses Tages beschreibt er wie folgt:

„Wir wurden massakriert, weil wir uns für radikale ökonomische Transformation eingesetzt haben“, war auf den Rückenseiten der T-Shirts zu lesen, die viele Menschen trugen, welche an diesem warmen 16. August 2017 nach Marikana gekommen waren, um an die Ermordung von 34 Minenarbeitern vor genau fünf Jahren zu erinnern. Durch ihre zahlreiche Anwesenheit wollten sie, wie auch viele der RednerInnen betonten, ein klares Zeichen setzen, damit so etwas in Südafrika und nirgendwo sonst in der Welt wieder passiert. Auf der vorderen Seite dieser T-Shirts war ein großes Bild von Ngcineni Noki „Mambush“ abgebildet, mittlerweile bekannt als der „Mann mit der grünen Decke“, der zum Symbol dieses Massakers geworden ist. Die Farbe Grün, die an diesem Tag dominiert, ist als Hommage an ihn und an seinen Kampf für die Würde der Minenarbeiter gedacht, auch wenn sie zufällig auch die Farbe der Association of Miners and Construction Union (AMCU) ist, der Gewerkschaft, die seit 2012 die Mehrheit der ArbeiterInnen bei Lonmin in Marikana vereint. Das Motto der Veranstaltung „We were massacred for radical economic transformation by the state“, wirkt wie eine große Provokation, da die Regierungspartei ANC ebenfalls die „Radikale Ökonomische Transformation“ zu ihrem neuen Programm auserkoren hat. Der ANC wird dafür kritisiert, angesichts der wachsenden Kritik an der Korruption innerhalb der Regierung unter der Führung von Präsident Jakob Zuma, eine ablenkende Taktik zu fahren, in dem er mit diesem Motto Erwartungen bei der Mehrheit der SüdafrikanerInnen erweckt, ohne jedoch entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, die tatsächlich eine radikale ökonomische Transformation ermöglichen würden. AMCU’s Präsident Joseph Mathunjwa knüpfte in seiner langen und flammenden Rede an diese Kritik an. Für ihn propagieren der ANC und seine Alliierten leere Parolen. Die wahre Protagonistin der tatsächlichen ökonomischen Transformation sei die AMCU. Interessanter wurde es, als er erklärte, woran er die Pionierrolle der AMCU festmache. Diese brachte er in Verbindung mit der Hauptforderung der Minenarbeiter vor fünf Jahren. Diese kämpften für ein Mindestgehalt von 12.500 Rand, um in Würde leben zu können. Ist diese Forderung die radikale ökonomische Transformation? Sicherlich stellt eine gerechte Belohnung in einer Ökonomie, die seit Jahrhunderten auf der Ausbeutung der Arbeitskraft der schwarzen Bevölkerung basiert ist, einen wichtigen Aspekt dar. Aber zur radikalen ökonomischen Transformation gehören viele andere Aspekte, u.a. eine Umverteilung von Besitz und Vermögen sowie eine Beteiligung der damals Ausgeschlossenen an Entscheidungsstrukturen der Wirtschaft.

Fünf Jahre nach dem Massaker von Marikana erhalten die ArbeiterInnen immer noch nicht die 12.500 Rand, für die sie gekämpft hatten. Die Bestgestellten unter Ihnen verdienen gerade über 10.000 Rand. Zwar betonte Mathunjwa, dass ab 2018 die oberste Kategorie unter den ArbeiterInnen über 13.500 Rand erhalten wird, aber betrifft dies nur eine kleine Minderheit. Auch gilt es zu bedenken, dass seit 2012 im Zuge der politischen Skandale rund um Präsident Zuma der Rand deutlich an Wert verloren hat. Dadurch haben auch die ArbeiterInnen substanziell an Kaufkraft verloren. Die Zahlen allein sagen nicht viel über den tatsächlichen Wert des Geldes aus. Viele Gründe, zu feiern, gibt es wirklich nicht, zumal sich fünf Jahre nach dem Massaker die Lebens- und Arbeitsbedingungen nicht merklich verändert haben: Die Siedlungen der ArbeiterInnen sehen immer noch so trostlos aus wie im Jahr 2012. Immer wieder sterben Arbeiter bei Arbeitsunfällen unter Tage. Daran ändern die kosmetischen Investitionen nicht, die Lonmin sich sowohl in einigen der ehemaligen Hostels als auch in den Sicherheitsstandards der Mine vorgenommen hat. Was die Verfolgung derer angeht, die für den Tod an den Minenarbeitern verantwortlich sind, hat sich bis jetzt nichts getan, wie M’musi Maimane von der Democratic Alliance feststellte. Niemand wurde bis heute angeklagt und niemand hat die politische Verantwortung übernommen. Der Kampf für die Anerkennung des Marikana-Massakers als solches bleibt lang. Einen langen Atem werden auch alle brauchen, die sich mit den Opfern Marikanas solidarisieren, und auch an diesem Tag folgende Forderungen formulieren: die Einstufung dieses Massakers als Staatsverbrechen genauso wie Sharpville, Langa und Soweto, wie J. Mathunjwa formulierte, oder die Einführung des 16. August als nationalen Feiertag, den Julius Malema von EFF ins Gespräch brachte. Auf jeden Fall hat die bisherige südafrikanische Regierung keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, die Tragweite dessen zu erkennen, was in Marikana geschah, auch nicht am fünften Jahrestag. Die Blicke der Angehörigen der getöteten Minenarbeiter und der Überlebenden des Massakers waren auch dieses Jahr sehr aussagekräftig, deren Traurigkeit kaum zu ertragen. Diesen Anblick der Opfer vermeidet die südafrikanische Regierung, die dafür im überwiegenden Teil der Medienlandschaft des Landes heftig kritisiert wird. Stattdessen quält die Regierung diese zurückgebliebenen Familien weiter, indem sie, wie der Anwalt Dali Mpofu erklärte, immer wieder neue Ankündigungen über Kompensationen macht, ohne im Vorfeld mit den Familien und deren VertreterInnen zu sprechen und, mehr noch, ohne konkrete Maßnahmen zu treffen, um diesen Ankündigungen Taten folgen zu lassen. Für die Regierung sind diese Ankündigungen zu einem Beruhigungsmittel für die Öffentlichkeit geworden. Dafür nimmt sie in Kauf, die Familien immer neu zu traumatisieren. An diesem fünften Jahrestag haben noch alle, die das Wort in Marikana ergriffen haben, beschworen, sie werden nicht ruhen, bis die Opfer Gerechtigkeit erfahren.

© Dr. Boniface Mabanza Bambu

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