Gottesdienst mal anders – Die Christian Revival Church in Pretoria

Meine deutsche Freundin und ich nutzen die Wochenenden dazu, um Kirchengemeinden verschiedener Konfessionen zu besuchen und so die verschiedenen Gebetsformen und Traditionen näher kennenzulernen.

Vergangenen Sonntag begleiteten wir zwei südafrikanische Mädchen, die uns gerne ihre charismatische Kirchengemeinschaft in Pretoria vorstellen wollten. Sie trägt den Namen CRC – Christian Revival Church. Pro Gottesdienst können dort bis zu 6.500 (!) Menschen zum gemeinsamen Gebet zusammenkommen. Als ich auf der Hinfahrt hörte, dass es sich um eine charismatische Kirche handelt, rechnete ich bereits damit, dass wir wohl nicht in einem mir vertrauten Kirchengebäude die Messe zelebrieren würden. Aber die Dimension, die uns dann tatsächlich vor Ort erwartete sowie die enorme Anzahl an bereits wartenden StudentInnen, überraschte mich dann doch sehr. Ich habe zugegebenermaßen noch zu keinem Sonntagabendgottesdienst so viele junge Menschen versammelt gesehen und musste plötzlich an die Völkerwallfahrt zum Zion denken.

Die Eingangshalle der Christian Revival Church in Pretoria (© Marita Anna Wagner)

Allein die Vorhalle zum eigentlichen Gebetsraum ließ darauf schließen, dass es sich keineswegs um eine arme Kirchengemeinde handelte. Alles war modern ausgestattet. In einem Buchladen gab es die passenden christliche-charismatischen Merchandise-Artikel. Von Musik CDs, über DVDs, spirituelle Bücher und Tshirts mit dem CRC Logo konnte alles erworben werden.

Praise and Worship-Musik (© Marita Anna Wagner)

Wirklich beeindruckt war ich dann jedoch von dem riesigen Gottesdienstraum, der eine Mischung aus Konzert- und Kinosaal war. Die technische Ausstattung war hoch professionell: bunte Scheinwerfer, Lichteffekte, mehrere Kameramänner, überdimensional große Leinwände. Alles war einfach groß und damit irgendwie erdrückend, für meinen Geschmack zu gewollt und zu viel Effekthascherei.

Der Gebetsraum erinnert eher an ein Konzert- und Kinosaal (© Marita Anna Wagner)

Die von der Live-Band gespielten Songs waren eingängig, sodass ich auch als Erstbesucherin sofort mitsingen konnte. Die vielen Wiederholungen hatten einen meditativen Charakter. Befremdlich war es mit anzusehen, wie mit jedem Lied die Stimmung im Saal weiter angeheizt wurde. Die jungen Menschen tanzten, hüpften und streckten betend die Hände in den Himmel. Und auch die beiden südafrikanischen Mädchen neben mir verloren sich irgendwann in ihrer Euphorie und riefen immer wieder „Jesus!“ und „Amen!“. Statt an den mir gewohnten Gottesdienst erinnerte mich das Ganze eher an ein Popkonzert.

Die Live-Band performte ihre selbstgeschriebenen christlichen Lieder (© Marita Anna Wagner)
Auf den Leinwänden wurden die Liedtexte übertragen (© Marita Anna Wagner)

Hinter all der Show und Inszenierung blieb dann die eigentliche Theologie auf der Strecke. Besonders schockiert war ich über die Aussage des Pastors während seiner Predigt, dass es egal sei, ob Jesus am Kreuz oder in einem Autounfall gestorben ist. Was zähle sei einzig und allein, dass er für unsere Sünden gestorben ist. Dass dies von den Gläubigen sofort mit einem „Yeah man, Jesus, Amen!“ abgesegnet wurde, machte mich dann doch sehr nachdenklich. Generell hatte ich den Eindruck, dass sehr schnell und unreflektiert das Wort des Pastors als gültig und wahr akzeptiert wurde.

Interessant war aber auch die Live-Schaltung zum parallel stattfindenden Gottesdienst der Partnergemeinde in Braamfontein, Johannesburg. Über die Leinwände wurde der Pastor der dortigen Gemeinde eingeblendet, der sich direkt an das „Publikum“ in Pretoria, also uns, wandte, uns begrüßte und dann seine Predigt hielt, welche die ganze Zeit über für uns übertragen wurde. Und nicht nur in Pretoria, sondern auch in vielen weiteren Partnergemeinschaften innerhalb Südafrikas und den Nachbarländern wurde die Predigt übertragen, sodass buchstäblich alle Mitglieder der CRC miteinander im Gebet verbunden waren und sich über die Screens sehen konnten.

Dass ich während des Gottesdienstes gefilmt wurde, auch wenn ich mich selbst nicht auf der Leinwand gesehen habe, empfand ich als höchst unangenehm. Es gab eine Kamera an einem großen Schwenkhahn, die direkt über die Köpfe der Gläubigen und in die Masse hinein filmte. Letzten Endes war es ja auch eine Art Fernsehaufzeichnung, die direkt in die Welt übertragen wurde.

Zugegebenermaßen entsteht durch die Möglichkeit einer Liveschaltung tatsächlich das Gefühl, Teil einer großen Weltgemeinschaft zu sein. Ich kann mir vorstellen, dass dadurch das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Kirchenbesuchern sehr gestärkt wird.

Obwohl es eine interessante Erfahrung war konnte mich diese Art des Gottesdienstes nicht überzeugen. Die eigentliche theologische Auslegung gerät vollkommen in den Hintergrund und ich finde es zum Teil sogar gefährlich zu sehen, wie sehr diese jungen Menschen in ihren Ansichten beeinflusst und manipuliert werden. Mir hat in jedem Fall die kritische Auseinandersetzung mit den theologischen Standpunkten seitens der Gläubigen gefehlt. Die Aussagen des Pastors wurden einfach abgenickt und bejubelt.

Wirklich bedenklich fand ich jedoch, als es gegen Ende des Gottesdienstes Zeit für die „Offerings“ (Kollekte) war. Dazu wurde ein Trailer eingespielt, der eine schwarze Südafrikanerin mit ihrem kleinen Sohn zeigte. Beide gehen in einen Supermarkt, die Mutter zählt ihr weniges Geld, stellt einige Produkte wieder zurück ins Regal, weil sie sich nicht leisten kann und kauft schließlich nur einen Laib Brot, den sie dem Sohn zu Essen gibt. Dieser weint vor Hunger. Die Kamera schwenkt immer wieder auf das Portmonnaie mit den wenigen Münzen darin, traurig-ergreifende Musik untermalt die Szene. Mutter und Sohn verlassen das Geschäft und auf ihrem Weg begegnen sie einem Obdachlosen. Erst geht die Mutter vorbei, signalisiert, dass sie selbst nichts besitzt. Dann dreht sie sich um, gibt dem ebenfalls schwarzen Mann, der am Boden kniet, ein 5Rand-Stück (32 Cent) und geht weiter. Mit ihrem Sohn erreicht sie die CRC Kirche, sie nehmen am Gottesdienst teil. Als die Kollektenkörbe umhergehen schaut die Mutter erneut in ihr Portmonnai: sie wirft ihr letztes 5Rand-Stück hinein, lächelt. Eine Stimme aus dem Off erzählt die biblische Geschichte von der Frau, die ihre letzte Münze gibt und damit mehr als all die reichen Leute neben ihr. Nach Beendigung des Gottesdienstes werden Mutter und Sohn beim Verlassen der Gebetshalle gezeigt. Am Ausgang treffen sie auf den obdachlosen Mann, dem sie geholfen hatten. Die Mutter und er umarmen einander fröhlich, überrascht, einander an diesem Ort wiederzusehen. Der Obdachlose schenkt dem Jungen seine Mütze und zieht sie ihm auf: ein Happy End.

Während dieses Video abgespielt wurde lief am unteren Bildrand ein Werbebanner mit den Bankdaten der Kirche entlang.

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