Leben zwischen den Grenzen

„Anna, du sprichst wie eine Südafrikanerin“, sagt er und schüttelt amüsiert den Kopf.

Ich bin das erste Mal wieder zu Besuch bei meiner südafrikanischen Freundin und ihrer Familie. Nach einigen Minuten fällt ihr Vater dieses Urteil über mich und fügt hinzu: „Es ist die Art und Weise, wie du redest. Du hast dich weiterentwickelt in den letzten eineinhalb Jahren.“

„Hi, how are you?“

Die meiste Zeit handle und spreche ich intuitiv. Aber wenn ich mich doch einmal von außen betrachte, realisiere ich, dass ich mich hier in Südafrika tatsächlich ganz anders ausdrücke – und das liegt nicht nur daran, dass ich Englisch spreche. Wie man hier miteinander kommuniziert und umgeht ist schlichtweg anders als in Deutschland. Ein Beispiel: eine Unterhaltung – egal ob mit den eigenen Freunden, ProfessorInnen an der Uni oder VerkäuferInnen im Supermarkt – beginnt generell mit der Eingangsfrage „Hi, how are you?“, die sich beide Seiten stellen und daraufhin mit „I’m fine/good, thanks“, antworten. Es gehört zum guten Ton dazu, auch wenn die eigentliche Antwort eher nebensächlich ist.
Umgangsformen wie diese habe ich mittlerweile verinnerlicht, sodass ich sie ganz selbstverständlich anwende.

Südafrikanische Offenherzigkeit

Am deutlichsten ist mir dies bewusst geworden, als meine Freundin und ich vergangenen Monat meinen Rektor aus Sankt Georgen am Flughafen in Johannesburg abholten. Er war für eine Konferenz angereist. Ohne Nachzudenken lief ich auf ihn zu, umarmte ihn in beherzt südafrikanischer Manier (meine Freundin tat das gleiche) und fragte, wie es ihm ginge und wie sein Flug gewesen sei. Gleich darauf erschrak ich über mein ‚undistanziertes’ Verhalten. Wären wir in Frankfurt gewesen, wäre mir definitiv keine Umarmung ‚herausgerutscht’. Aber in diesem Kontext war es etwas ganz Natürliches (siehe meine Freundin).

Deutsche oder Südafrikanerin?

Während meines letzten Aufenthaltes war es noch für jeden und jede ersichtlich, dass ich Ausländerin bin. Die zweite Frage nach „how are you?“ war durchweg, wo ich herkomme. Heute hören sie es entweder gar nicht heraus oder sie fragen zögerlich, ob ich Südafrikanerin sei. Daraus ergeben sich viele Vorteile. Ich kann mich ‚inkognito’ unter die Leute mischen und meine Erfahrungen sammeln. Dabei hilft mir vor allem das Wissen, das ich mir seit 2015 über Südafrika, seine Geschichte, Politik, Wirtschaft, Religion und Kultur angeeignet habe. Indem ich mitreden kann falle ich nicht nur nicht auf, sondern werde auch akzeptiert.

Das Grenzgänger-Dasein

Das Grenzgänger-Dasein kann aber auch herausfordernd sein. Immer wieder wird man mit der Frage konfrontiert, wohin man denn nun gehöre, auf die deutsche oder die südafrikanische Seite. Menschen versuchen einen zuzuordnen, damit sie in ein bestimmtes System passen. Aber so einfach funktioniert das nicht. Auch an meiner Hochschule in Frankfurt nehmen einige mein Engagement für und mein Interesse an Afrika mit einem gewissen Befremden wahr. Meine Hausarbeiten, Artikel und Forschungs- wie Arbeitstätigkeiten haben sich seit meiner Rückkehr im Dezember 2015 mit dem Südlichen Afrika auseinandergesetzt. Persönlich bin ich der Ansicht, dass gerade, wenn wir verschiedene Disziplinen und Expertisen miteinander zusammenbringen, etwas Neues, Größeres entstehen kann.
Aber genauso gibt es natürlich auch SüdafrikanerInnen, die mich nicht recht einzuordnen wissen. Sie tun sich schwer damit, nachzuvollziehen, was mich antreibt. Manche glauben sogar, dass ich als weiße Europäerin kein Recht und auch nicht die Fähigkeit hätte, über südafrikanische Themen zu schreiben und mir eine Meinung dazu zu bilden. Sie sind Verfechter des Dekolonisationsprozesses in Südafrika und lehnen grundsätzlich alles ab, was eine ‚weiße Färbung’ hat.

Und so bleibt es ein Spagat, den es immer wieder zu leisten gilt. Es erfordert viel Vermittlungsarbeit und Feingefühl, um sich zwischen diesen beiden Kulturkreisen bewegen zu können. Oft erscheint mir meine Identität sehr gespalten zu sein. Eine meiner Freundinnen hat es kürzlich auf den Punkt gebracht als sie mich vorstellte: „Das ist Anna. Sie kommt aus Deutschland, aber eigentlich ist sie Südafrikanerin.“

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