Wenn dir das Leben widerfährt

„Anna, bitte iss diese Gurke zuerst, weil sie älter ist. Bitte versuche, nicht so viel wegzuwerfen. In diesem Land gibt es so viele Menschen, die hungern.“ Er sagt es in väterlich-fürsorglichem Ton, nicht belehrend. Gemeinsam mit meiner deutschen Freundin stehe ich in seiner Küche und bin am Kochen. Er hat gerade in den Mülleimer geschaut und die zwei Maiskolben und drei Avocados entdeckt, die ich eben weggeworfen hatte, weil sie schimmlig waren. Zerknirscht entschuldige ich mich und verspreche es ihm.

Ich bin bei einem Professor meiner Fakultät zu Besuch, er ist zugleich mein spiritueller Mentor. Da ich in meiner Unterkunft keinen Internetanschluss habe komme ich regelmäßig hier hin zum Arbeiten. Dieses Mal hat sich mir meine Freundin zum Lernen angeschlossen.

Seine Worte gehen mir den Rest des Tages nicht mehr aus dem Kopf, ich fühle mich unwohl. Ich bin beschämt über mein verschwenderisches Verhalten. An Tagen wie diesen wird mir der Spiegel vorgehalten und bewusst gemacht, dass ich eben doch an einen gewissen Lebensstandard gewöhnt bin, den ich oft nicht genügend hinterfrage. Instinktiv kommt mir der Gedanke: Du solltest es besser wissen. Vor allem ist es mir peinlich gegenüber dem Professor von dem ich weiß, wie hart er arbeiten musste, um sich sein Studium und den Unterhalt als Student finanzieren zu können. Und ich kaufe so viele Lebensmittel ein, dass ich sie nicht rechtzeitig aufbrauchen kann. Europäische Wegwerfkultur.

Am Abend ruft mich einer meiner besten südafrikanischen Freunde an. Wir sind für den nächsten Tag verabredet, doch er sagt unser Treffen ab. Er ist emotional und aufgewühlt. Er arbeitet derzeit im Betrieb seines Cousins mit, ist unter anderem für die Auszahlung der Gehälter zuständig. Morgen ist Freitag – Zahltag. Doch es gibt kein Geld, das er den sieben Angestellten auszahlen kann. Mein Freund erklärt mir:

„Sie sind alle Familienväter, sie müssen ihre Frauen und Kinder ernähren. Wie soll ich denn morgen zur Arbeit gehen und ihnen ins Gesicht sehen? Wie soll ich ihnen sagen, dass ich kein Geld für sie habe? Die Kunden haben die letzten Aufträge noch nicht bezahlt. Wir mussten das Geld für die verwendeten Materialien aber vorlegen. Wir haben das Geld einfach nicht. Ich bin am Tiefpunkt.“ Was mich so schockiert ist die Ohnmacht, die sich in seiner Erklärung abzeichnet. So hatte ich ihn noch nie erlebt. Er ist ein absolut ehrlicher, optimistischer und selbstbewusster junger Mann. In unserem Freundeskreis gilt er als der Junge mit dem schönsten Lächeln. Aber davon ist gerade nichts zu erkennen. Ihn so schwach und zerbrechlich zu erleben beunruhigt mich. „Das Leben ist nicht fair“, fügt er bedrückt hinzu. Er kämpft jeden Tag, arbeitet so hart. Nein, es ist nicht fair.

Ich ärgere mich nun umso mehr über mein unreflektiertes Verhalten. Manchmal, wenn ich zum Beispiel im „Arbeitsmodus“ bin, verliere ich die Sensitivität und stumpfe ab. Dann rutschen mir schon einmal Aussagen raus, die auf meinen europäischen Lebensstandard schließen lassen. Diese Woche hing beispielsweise ein Plakat in unserer Straße aus, dass wir nächste Woche Dienstag keine Wasserversorgung in meinem Wohnort haben werden. Ich war schon leicht genervt an diesem Tag und hatte mich bei meiner Mitbewohnerin darüber beschwert, dass wir dann ja gar nicht Duschen und Kochen könnten. Im Nachhinein kann ich selbst nur den Kopf darüber schüttelt.

Es geht denke ich nicht in erster Linie darum, als EuropäerIn in einen Selbsthass zu verfallen, angesichts der ungewollten Ignoranz, die man gelegentlich zeigt. Aber man bzw. ich sollte doch die eigenen Ansprüche hinterfragen und aus lehrreichen Situationen wie diesen die notwendigen Schlüsse ziehen. Ich bin deshalb dankbar für diese freundschaftlichen Zurechtweisungen, die mich wieder auf den Boden der Tatsachen bringen. Sie fordern mich immer wieder zur Selbstreflektion und Arbeit an mir selbst heraus.

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