Die Wahrheits- und Versöhnungs-kommission

„Echte Versöhnung ist nicht billig. Sie hat Gott den Tod seines eigenen Sohnes abverlangt“, sagte der emeritierte Theologieprofessor Piet Meiring bei einem Gastvortrag anlässlich der Hundertjahrfeier der theologischen Fakultät.

Piet Meiring hat als Professor im Department of Science of Religion and Missiology an der theologischen Fakultät der University of Pretoria gearbeitet. Anfang September kehrte er für ein Symposium zum Thema Opening the gates to a new Perspective on Reconciliation zurück an seinen ehemaligen Arbeitsplatz.

Piet Meiring nahm an der 100-Jahrfeier der Theologischen Fakultät teil. (© Faculty of Theology Pretoria)

Dabei analysierte er den heutigen Stand des Versöhnungs- und Gerechtigkeitsprozesses in Südafrika, 23 Jahre nach dem offiziellen politischen Ende der Apartheid. Dabei wurde schnell deutlich: man hatte die Komplexität dieses Vorhabens unterschätzt.

Aber wie war man überhaupt vorgegangen, nachdem 1994 Nelson Mandela zum ersten demokratisch gewählten Präsident des neuen Südafrikas gewählt wurde? Und wie verhielten sich die verschiedenen christlichen Kirchen zu diesem angestoßenen Versöhnungsprozess? Wie hatten sich die Kirchen noch während der Apartheid zu diesem politischen System positioniert?

Diese Fragen diskutierte ich in den letzten Wochen intensiv mit Prof. Meiring im Rahmen meiner Abschlussarbeit, da er ein wichtiger Zeitzeuge dieses Geschehens ist.

Piet Meiring war Mitglied der sogenannten Wahrheits- und Versöhnungskommission (Truth and Reconciliation Commission, TRC), welche 1996 von Mandela gegründet wurde. Das Ziel der Kommission bestand darin, die während der Apartheid begangenen Gewaltverbrechen aufzudecken. Dazu wurden knapp 30.000 Menschen vorgeladen, die allesamt Opfer von schweren Menschenrechtsverletzungen wurden. Aber auch die Täter erhielten die Möglichkeit, vor dem Gremium zu sprechen. Denn, so die Ansicht Mandelas, nicht nur Unterdrückte sondern auch Unterdrücker mussten von ihrem Leiden befreit werden. Insofern wurde durch die Einrichtung der Kommission ein Raum geschaffen, wo Täter und Opfer einander von Angesicht zu Angesicht begegnen konnten.

Wenn ich nach dem Thema meiner Magisterarbeit gefragt werde reagieren viele verwundert. Sie fragen mich, inwiefern dies ein theologisches Thema sei. Tatsächlich aber bestand die Wahrheits- und Versöhnungskommission zu einem überwiegenden Anteil aus Theologen. So war der Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu als Vorsitzender der Kommission selbst anglikanischer Erzbischof von Kapstadt. Dass er seine klerikale Kleidung auch während der Sitzungen der Kommission trug, gefiel dabei nicht jedem. Man wollte diesen Aufarbeitungsprozess so säkular wie möglich gestalten. Doch Tutu blieb resistent: „Mandela wusste, dass er mich als anglikanischen Priester in diese Kommission wählt.“

Auch die katholische Kirche trat vor das Gremium und erklärte öffentlich, inwiefern sie versucht hatte, für ein friedliches Miteinander während der Apartheidzeit einzutreten. Gleichzeitig räumte sie aber auch Verfehlungen, Fehleinschätzungen oder ein zu kurz gegriffenes Handeln ein.

Eine Woche nach seinem Vortrag traf ich Prof. Meiring in seinem Zuhause. Als ich seine Bibliothek betrat war ich beeindruckt von den vielen Büchern, die sich mit Südafrikas Freiheitskampf und der Suche nach Wahrheit, Versöhnung und Gerechtigkeit auseinandersetzen. Ein für mich besonders aufregender Moment war es, als er die originalen Dokumente herauszog, die die katholische Kirche bei der Kommission eingereicht hatte. Diese echten Protokolle in Händen zu halten war, als breite man gerade die Historie und das Erbe Südafrikas vor mir aus.

In meiner Arbeit möchte ich vor allem die Rolle der katholischen Kirche sowohl während als auch nach der Apartheid untersuchen. Prof. Meiring bestärkte mich in diesem Vorhaben. Er erklärte mir, dass schon viele Untersuchungen zur niederländisch-reformierten, lutherischen und anglikanischen Kirche unternommen worden seien. Es fehle jedoch noch immer eine Aufarbeitung und Auswertung der katholischen Kirche und ihrer Position in diesem Diskurs. Dies steigert meine Motivation, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Dass ich dabei auf die persönlichen Erfahrungen Prof. Meirings zurückgreifen kann, macht diese Analyse umso lebendiger.

Als ich ihn fragte, was es damals für ein Gefühl gewesen sei, mit Präsident Nelson Mandela zusammenzuarbeiten, zog er dessen Biografie Ein langer Weg zur Freiheit aus einem der Bücherregale. Er schlug die erste Seite auf. Darauf stand eine persönliche Widmung in Afrikaans aus dem Jahr 1995:

„Für Prof. Piet Meiring. Mein Kompliment und meine besten Wünsche für einen herausragenden und dynamischen theologischen Anführer.“

Es sei ein Geschenk Mandelas an ihn gewesen. „Er brachte allen Menschen, die mit ihm arbeiteten eine große Wertschätzung entgegen.“

Ich fragte Prof. Meiring zum Abschluss, ob die SüdafrikanerInnen selbst überhaupt noch ein Interesse an der Aufarbeitung des Versöhnungsprozesses hätten. Einer meiner Kommilitonen erklärte mir beispielweise, dass er dieser Thematik überdrüssig sei und davon nichts mehr hören wolle. Seit 23 Jahren rede man über Vergebung und Gerechtigkeit, viele, vor allem junge, Menschen seien erschöpft und wollten als die sogenannte Born Free Generation (alle nach der Beendigung der Apartheid geborenen) endlich damit abschließen. „Ja und nein“, erwiderte Prof. Meiring. „Versöhnung und Gerechtigkeit wurden zu den bestimmenden Schlagworten der Nachapartheidzeit. Viele Konzepte und Definitionen wurden dazu entwickelt, doch noch immer sind wir nicht am Ziel angelangt. Ja, wir waren zu optimistisch und dachten, dass sich dieser Transformationsprozess schneller einstellen würde. Ja, das mag müde machen.“ Er fuhr fort: „Aber nein, wir dürfen nicht ungeduldig werden, wir müssen weitergehen. Wir brauchen diese Schlagworte noch immer. Bevor es Versöhnung geben kann, muss Gerechtigkeit geschaffen werden. Wir können keine Versöhnung zum günstigsten Preis einfordern. Wir können nicht zu einer Zukunft springen, die uns gefällt, ohne vorher die Wunden zu heilen.“

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